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REBuilding · Mind

Urteilskraft entsteht nicht durch Auffüllen

Die Vorstellung, Wissen laufe in den Kopf ein wie Wasser in einen Eimer, hat Karl Popper die Kübeltheorie des Geistes genannt. Seit die Maschine mehr Steuerrecht bereithält als jeder Mensch, zeigt sich, was an diesem Bild fehlt.

Wo Fortbildung überhaupt gemessen wird, wird sie in Stunden gemessen. Wer die Stunden zusammenhat, gilt als fortgebildet, und dahinter steckt eine bestimmte Vorstellung davon, wie Wissen in einen Kopf gelangt. Karl Popper hat ihr einen wenig schmeichelhaften Namen gegeben, die Kübeltheorie des Geistes.

Gemeint ist das Bild vom Geist als Behälter, in den durch die Sinne einläuft, was draußen vorhanden ist. Je mehr hineinläuft, desto mehr weiß der Mensch. Popper hielt das für grundfalsch, denn von selbst läuft gar nichts ein; wer ohne Erwartung hinschaut, sieht nichts, weil ihm die Auswahl fehlt. Sein Gegenbild ist der Scheinwerfer. Sichtbar wird, wohin man leuchtet, und die Richtung gibt eine Vermutung vor, die man vorher gefasst hat. Wissen wächst danach in Schleifen aus Vermutung und Prüfung, wobei die Prüfung die Vermutung meistens beschädigt und eben darin ihr Ertrag liegt. Der Physiker David Deutsch, in Oxford einer der Begründer der Quanteninformatik und erkenntnistheoretisch Popperianer, hat daraus einen allgemeinen Satz gemacht: Wissen wird nicht aufgenommen, es wird erzeugt, und der Motor dieser Erzeugung ist die Fehlerkorrektur.

Wenn die Maschine mehr weiß als jeder im Raum

Die Ausbildung im steuerlichen Beruf folgt dem Kübel ziemlich genau. Studium, Praxiszeit, Prüfung, danach Seminare und Fachliteratur in ordentlichem Umfang, und alles davon füllt Bestand auf. Das hat lange getragen, weil der Vorsprung im Bestand lag und besser beriet, wer mehr wusste.

Dieser Vorsprung ist innerhalb weniger Jahre verschwunden. Ein Sprachmodell, wie es hinter den bekannten Chat-Diensten steckt, hält mehr Steuerrecht bereit, als ein Mensch in einem Berufsleben lesen kann, formuliert es sauber und liegt oft richtig. Der Mandant hat denselben Zugang und zahlt kaum etwas dafür. Wer seinen Wert daraus bezieht, dass er die Vorschrift kennt, tritt gegen etwas an, das die Vorschrift besser kennt.

Was die Maschine nicht tut, ist die Frage zurückweisen. Sie beantwortet, wonach gefragt wurde, und zwar genau das. Ein Unternehmer möchte wissen, wie die Anschaffung einer Maschine steuerlich zu behandeln ist; diese Antwort steht in einer halben Minute und stimmt in aller Regel. Was ihn wirklich umtreibt, ist die Frage, ob er gerade jetzt kaufen sollte, ob Leasing besser zu seiner Liquidität passt und was der Vorgang mit der Übergabe an die Tochter zu tun hat, die er für die nächsten Jahre plant.

Diese Verschiebung zu bemerken ist die Arbeit, die bleibt, und sie lässt sich in keinen Kübel füllen, weil sie im Seminar gar nicht vorkommt. Ein Seminarfall ist ein Fall, bei dem die Frage bereits richtig gestellt ist; das macht ihn ja erst zum Seminarfall. Wer erkennen will, dass eine Frage danebenliegt, muss vorher eine Vermutung darüber gehabt haben, was der Mandant eigentlich will, und diese Vermutung muss ihm hin und wieder um die Ohren geflogen sein; anders lernt man den Zuschnitt eines Falles nicht.

Was das für eine Kanzlei heißt

Früher entstand diese Fähigkeit beiläufig. Wer neu anfing, arbeitete räumlich dicht bei den Erfahrenen, bildete sich im Stillen ein eigenes Urteil und bekam kurz darauf mit, wie der Fall tatsächlich zugeschnitten wurde. Verteiltes Arbeiten und knappes Personal haben diese Nähe weitgehend beseitigt, und mit ihr ist der Korrekturschritt entfallen. Wer ihn zurückhaben will, muss ihn eigens einrichten, also Fälle vorsehen, in denen zuerst über die Frage gestritten und erst danach gerechnet wird, Annahme und Befund sauber auseinanderhalten und das Ganze in Abständen wiederholen, bis eine Gewohnheit daraus wird. Wir tun das planmäßig; beide Partner unserer Kanzlei sind zudem Lehrbeauftragte der Hochschule Osnabrück im Masterstudiengang Steuerrecht zu den Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz, und in der Lehre zeigt sich dasselbe Muster.

Beim Bau eigener Werkzeuge tritt es besonders deutlich hervor. Für einen Klinikmandanten mit 77 Beschäftigten haben wir ein Lohnwerkzeug gebaut, das die gesamte Berechnung auf dem Rechner des Bearbeiters ausführt, ohne dass Gehaltsdaten an einen fremden Server gehen. Den Code hat die KI geschrieben. Von uns stammt die Festlegung, welche Lohnart wohin gehört und ab welchem Wert eine Zeile als auffällig gemeldet wird. Ist diese Festlegung falsch, wiederholt das Werkzeug den Fehler jeden Monat zuverlässig, und es fällt lange niemandem auf, weil das Ergebnis ordentlich aussieht.

Wo das Bild nicht trägt

Poppers Modell erklärt, wie Wissen wächst. Es entbindet niemanden davon, welches zu haben. Eine Vermutung ohne Stoff ist bloßes Raten. Ob eine Warenlieferung über drei Länder unter die umsatzsteuerlichen Sonderregeln für Lieferketten fällt, vermutet niemand sinnvoll, der diese Regeln nicht kennt. Fortbildung bleibt also Voraussetzung; sie genügt nur nicht mehr für sich allein.

Hinzu kommt, dass es im Steuerrecht weite Flächen gibt, auf denen ohnehin nichts zu vermuten ist. Fristen, Formerfordernisse und Betragsgrenzen liest man nach, und wer hier vermutet statt nachzuschlagen, richtet Schaden an.

Am schwersten wiegt der dritte Einwand. Poppers Modell lebt davon, dass Irrtümer auftreten dürfen und der Irrtum sogar den Ertrag liefert. In der Beratung kostet ein Irrtum den Mandanten Geld und den Berater seine Haftung. Die Fehlerkorrektur muss deshalb nach vorn verlegt werden, in die interne Prüfung, in das zweite Augenpaar, in den Streit über den Zuschnitt des Falles, bevor irgendetwas das Haus verlässt. Wer das versäumt, lässt seinen Mandanten für die eigene Lernkurve zahlen.

Ein Unternehmer, der eine Kanzlei prüft, kann das in einem einzigen Gespräch feststellen. Er schildert einen Vorgang und achtet darauf, was zuerst kommt. Kommt sofort die Auskunft, hat er eine Auskunft bekommen, und die gibt es anderswo ebenfalls und billiger. Kommt zuerst eine Rückfrage, die seinen Fall anders zuschneidet, als er ihn selbst geschildert hat, sitzt ihm jemand gegenüber, dessen Beitrag die Maschine nicht liefert.

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